Ausdauer & Psyche
ORIGINALIA
SPORTSUCHTGEFÄHRDUNG IM AUSDAUERSPORT

Die Gefährdung zur Sportsucht in Ausdauersportarten

To Be at Risk From Exercise Addiction in Endurance Sports

ZUSAMMENFASSUNG

Sportsucht bzw. Sportsuchtgefährdung ist seit Beginn der 70 iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts stärker in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen gerückt. Vor allem in den Ausdauersportarten wurde dieses Phänomen stärker untersucht. Neben einer definitorischen Unschärfe bei den in der Literatur verwendeten Begrifflichkeiten ist es verwunderlich, dass es bezüglich Sportsucht und/oder Sportsuchtgefährdung nur wenig konsistente Befunde gibt. Ziel dieser Querschnittsstudie ist die Untersuchung der Variablen Geschlecht, Alter, Sportart, Trainingshäufigkeit/-dauer und Trainingsjahre hinsichtlich statistisch bedeutsamer Variablen für die Gefährdung an einer Sportsucht zu erkranken. Dies wurde an einer in dieser Größe bisher einzigartigen Untersuchung von 1089 Ausdauersportlern (Triathleten, Läufer, Radsportler) durchgeführt. 4,5 % der untersuchten Sportlerinnen und Sportler scheinen nach dem Exercise Addiction Inventory (EAI), eine Sportsuchtgefährdung aufzuweisen. Die weiteren, mittels mehrfaktorieller Varianzanalyse ermittelten Ergebnisse sind, dass hinsichtlich des Geschlechts kein Unterschied besteht. Für die Parameter Alter, Trainingsjahre und Trainingsumfang bzw. -häufigkeit konnten statistisch bedeutsame Unterschiede gefunden werden. Gerade jüngere Athleten weisen deutlich höhere Gefährdungswerte auf. Weiterhin scheint die Sportart Triathlon eine höheres Gefährdungspotential aufzuweisen als die anderen zwei untersuchten Ausdauersportarten. Hinsichtlich Trainingsjahre weisen die Ausdauersportler, die die Sportart schon länger betreiben, die höchsten Gefährdungswerte auf. Darüber hinaus sind Athleten mit einem hohen Trainingsumfang bzw. einer höheren Trainingshäufigkeit stärker betroffen. Allerdings konnten für die hier dargestellten Ergebnisse nur geringe Effektstärken ermittelt werden. Weiterführende Untersuchungen sollten vor allem weitere Sportarten und den Zusammenhang zwischen Sportsucht und Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellen.

Schlüsselwörter: Sucht, Triathlon, Langstreckenlauf, Radsport, Gefährdung.

SUMMARY

In the mid seventies first articles on exercise addiction or to be at risk from exercise addiction were published, especially in endurance sports. Due to the limited number of studies and the inconsistency in terms of to be at risk from exercise addiction in endurance sports the aim of this cross-sectional study was to asses the possible risk of gender, age, sports, years of training and duration/frequency of practice sessions. A total of 1089 participants (triathletes, runners, cyclists) filled out the EAI. 4,5% of the participants reporting to be at risk from exercise addiction. For the interpretation of the following results the low effect sizes have to be considered. Our data analysis indicates no differences between male and female, but significant differences between age groups, kind of endurance sports, years of training and the duration/frequency of practice. Younger athletes show significant higher score to be risk from exercise addiction. Furthermore, triathletes scored higher than runners or cyclists. Years of training and a high duration/frequency of trainings sessions seems to be a predictor for the development of exercise addiction symptoms. Further studies in other sports and with regard to correlations between personality and exercise addiction is needed.

Key Words: Addiction, triathlon, long distance running, cycling, risk

EINLEITUNG

Suchthaftes Verhalten und/oder die Gefährdung zu suchthaftem Verhalten im Zusammenhang mit Ausdauersport wurde in der jüngeren Vergangenheit überwiegend im Zusammenhang mit der „Laufbewegung“ thematisiert (37). Die Laufbewegung nahm hinsichtlich der Teilnehmerzahlen und der zu bewältigenden Strecken in den 1970er Jahren in den USA, Deutschland und anderen europäischen Staaten eine rasante Entwicklung. Auf diesen Boom in der Laufbewegung folgten Triathlonwettbewerbe und inzwischen immer exotischer anmutende Wettkämpfe mit extremen Herausforderungen an die Ausdauerleistungsfähigkeit der Teilnehmer (Dschungelmarathon, Norseman, Marathon des Sables, 10- 20fach Ultratriathlon) (3, 28, 34). Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung wurde zunächst von sportmedizinischer und sportpsychologischer Seite hinterfragt, was Menschen dazu bewegt regelmäßig Strecken zwischen 20 und 100km zu laufen und was ihnen hilft, diese Distanzen zu überwinden (34, 36). So erscheint es wenig verwunderlich, dass Laufsucht oder running addiction verstärkt als Erklärungen herangezogen wurden (3). Das Phänomen der Sportsucht oder exercise addiction wurde erstmals von Baekeland (6) beschrieben.
Weiterführende Überlegungen befassten sich mit der Beurteilung der Sportsucht als eine negative oder positive Sucht. Aufgrund der positiven Auswirkungen von Sport, wie etwa gesteigertes Kompetenzerleben, etablierte sich zunächst ein positiv konnotierter Begriff der Abhängigkeit. Glasser (14, 38) sah in dieser Art der Abhängigkeit einen wichtigen und neuen Weg für Sportler, mental noch stärker zu werden.
Eine Definition, die erstmals negative Aspekte der Sportsucht in den Vordergrund stellte, lieferte Morgan (27). Er orientierte sich an den klassischen Kriterien der Abhängigkeit und beschrieb Sportsucht als einen Zustand, bei dem der Betroffene in zwanghafter Art und Weise täglich Sport treiben „muss“ und Entzugssymptome (insbesondere psychische, wie zum Beispiel depressive Stimmung, Aggressivität, Unruhe und Schlafstörungen) zeigt, sollte er keinen Sport ausüben können.
Inzwischen steht das Modell der negativen Sportsucht im Mittelpunkt aller Untersuchungen zu diesem Thema, wobei sich nach Breuer und Kleinert (8) der Begriff Sportsucht (exercise addiction) als Oberbegriff für bewegungsbezogene Abhängigkeiten durchgesetzt hat. Die genannten Autoren monieren aber gleichzeitig definitorische Unschärfe bei den verwendeten Begrifflichkeiten in der einschlägigen Fachliteratur (8).
Darüber hinaus gibt es Vertreter der These, dass Sportsucht lediglich ein Mythos ist (25) und „behandlungsbedürftige Abhängigkeiten lediglich als Begleitphänomen anderer Störungen stehen“ (8).
Vor diesem Hintergrund gilt es, in dem nun folgenden Abschnitt den Untersuchungs-gegenstand, die Sportsuchtgefährdung, zu definieren und von der Sportsucht abzugrenzen und Erklärungsansätze zu deren Entwicklung darzustellen.

Kriterien der Sportsucht/-gefährdung
Grundsätzlich wurde in früheren Ansätzen nicht zwischen Sportsucht und Sportsuchtgefährdung unterschieden, sondern unter dem Begriff Sportsucht subsummiert und eher eindimensional betrachtet (21). Dies erfolgte entweder mit einem Schwerpunkt auf dem Sportlevel (z.B. Häufigkeit, Dauer, Intensität oder sportlichem Lebenslauf), den biochemischen Symptomen (z.B. Entzugserscheinungen, Toleranzniveau) oder den psychosozialen Symptomen (z.B. Vernachlässigen anderer Verpflichtungen zugunsten des Sports). Neuerdings besteht jedoch die Annahme, dass Sportsucht, ähnlich den substanzabhängigen Verhaltensstörungen, als Erkrankung mit kognitiven, verhaltensverändernden und physiologischen Symptomen betrachtet werden kann (21, 36). Morgan (27) beschreibt eine Symptom-Trias aus Entzugssymptomen (insbesondere psychischer Art), Zwanghaftigkeit (ohne sportliche Aktivität können alltägliche Anforderungen vermeintlich nicht bewältigt werden) und Konflikten mit dem sozialen oder beruflichen Umfeld (8, 26). Diese Trias kann durch die üblichen Kriterien für substanzgebundene Süchte des Klassifikationssystems der Weltgesundheitsorganisation (internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10)) bzw. des Klassifikationssystems der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder-IV (DSM-IV)) ergänzt werden (8): Zu den wichtigsten Merkmalen zählen Toleranzentwicklung, Entzugssymptome, Zwanghaftigkeit, Kontrollverlust, hoher Aufwand, Konflikte in außersportlichen Lebensbereichen und Negierung negativer Konsequenzen (1, 4, 8, 12, 16). Obwohl die gängigen Klassifikationssysteme (ICD, DSM) suchthaftes Verhalten bislang als eine substanzinduzierte Störung betrachten, treffen die beschriebenen Merkmale auch auf das Symptombild der Sportsucht zu (3, 34): Betroffene Athleten haben ein sich stetig steigerndes Verlangen nach sportlicher Aktivität um die gewünschte Wirkung zu erreichen (Toleranzentwicklung/Dosissteigerung), dass bis zum Verlust der Kontrolle über das eigene Verhalten führen kann, so dass - bspw. trotz Fieber oder Verletzungen - weitertrainiert wird (gesundheitsschädigendes Verhalten). Diese Art der Abhängigkeit wird als Verhaltensabhängigkeit oder als stoffungebundene Abhängigkeit bezeichnet (3).
Weiterhin kann eine Unterscheidung in primäre und sekundäre Sportsucht erfolgen: Das Syndrom der primären Sportsucht wurde bisher klinisch noch nicht für rechtsgültig erklärt und es gibt noch keine Anerkennung der Sportsucht als eine eigenständige Kategorie - weder im ICD-10 noch im DSM-IV (5, 11, 40). Bei der primären Sportsucht dient der Sport dem Selbstzweck. Dies ist der Fall, wenn die Betroffenen zum Sport treiben intrinsisch motiviert sind (19). In der nationalen und internationalen Fachliteratur lassen sich nur wenige konkrete Zahlen zur Häufigkeit oder prozentualer Anteile bei Sportlern insgesamt und bei Ausdauersportlern im speziellen finden (8).
Darüber hinaus sollte zwischen einer potenziellen Gefährdung und einer manifesten Störung unterschieden werden (8). In Anlehnung an die ICD-10 oder das DSM-IV könnte in diesem Zusammenhang von der Unterscheidung zwischen schädlichem Gebrauch (ICD-10) bzw. (Substanz-)Missbrauch (DSM-IV) und (Substanz-)Abhängigkeit gesprochen werden (11, 40). Die Missbrauchsdiagnose wird gestellt, wenn der Konsum zu Nichteinhaltung von Verpflichtungen, zu zwischenmenschlichen Konflikten und/oder zu Konflikten mit dem Gesetz führt (5, 18). Dies deckt sich in weiten Teilen mit den Erläuterungen zum Gefährdungsbegriff (to be at risk from) von Terry et al., die Gefährdung mit schädlichem und ungesundem Verhalten assoziieren (39). Ein Kontrollverlust, wie bei der Abhängigkeit, wird als Kriterium sowohl im ICD-10, DSM-IV als auch bei Terry et al. explizit nicht aufgeführt (5, 39, 40).
Breuer und Kleinert (8) gehen davon aus, dass "ca. jeder 100ste Sportler vereinzelte Auffälligkeiten, jeder 1.000ste Sportler manifeste Störungsmerkmale aufweisen könnte und jeder 10.000ste Sportler behandlungsbedürftig sein dürfte" (8). Es gilt jedoch zu beachten, dass die Auswahl der Stichproben (allgemeine Bevölkerung oder selektive Stichproben) sowie eine hohe definitorische Unschärfe im Kontext primärer Sportsucht/-gefährdung für die Schwankungen der Angaben zu Häufigkeiten verantwortlich gemacht werden können (8).
Bei der sekundären Sportsucht/-gefährdung, hier wird wie zuvor beschrieben in der Literatur nicht genauer hinsichtlich der Begrifflichkeiten unterschieden, -die häufig in Verbindung mit Essstörungen auftritt (anorexie-assoziierte Sportsucht) - sind die Betroffenen extrinsisch zum Sporttreiben motiviert, mit der Absicht, Figur oder Gewicht zu kontrollieren oder zu verändern (8, 19, 26). Modolo et al. berichten davon, dass junge Frauen mit einem normalen Body-Maß-Index (BMI) mit ihrem BMI oder ihrer Größe unzufrieden sind und dass die exzessive Beschäftigung mit dem Körperbild ebenfalls mit der Entwicklung einer Sportsucht bzw. einer Sportsuchtgefährdung in Verbindung gebracht werden kann. Dies kann wiederum mit einer Anorexia nervosa oder Bulemia nervosa zusammenhängen (26). Weiter berichten die Autoren von geschlechtsspezifischen Unterschieden, bezogen auf die negativen Sportsuchtsymptome, die auf Unterschiede in der Motivation zum Sporttreiben zurückzuführen sind und zwar besonders im Hinblick auf das eigene Körperbild. Sie beobachteten, dass das größere Engagement im Training bei Männern vermehrt auf das Erreichen eines muskulösen und definierten Körpers zurückzuführen war. Im Vergleich dazu beobachteten sie, dass Frauen durch Sport eine Reduktion des Körpergewichts anstrebten, um eine weniger stark definierte, dafür aber sozial anerkanntere Erscheinung zu erzielen (26). Die prozentualen Anteile sind im Vergleich zur primären Sportsucht/-gefährdung bei der sekundären Sportsucht/-gefährdung vermutlich um ein Vielfaches höher (8).

Hypothesen und Modelle zur Ätiologie von Sportsucht
Zur theoretischen Erklärung der Sportsucht/-gefährdung sind zahlreiche Hypothesen aufgestellt worden, welche lediglich einzelne physiologische oder psychologische Aspekte des Phänomens beleuchten (z.B. Endorphin-Hypothese oder Flow-Hypothese).Kerr et al. (24) sehen Browns (9) Modell als eine der gelungensten und hilfreichsten Theorien zur Erklärung der Sportsucht/-gefährdung an, da es verschiedene Stadien der Suchtentwicklung beschreibt und sich psychologisch gut begründen lässt. Sein Hedonic Management Model of Addiction basiert auf dem Konzept der kognitiv-sozialen Lerntheorie. Die Sportsucht/-gefährdung entwickelt sich nach diesem Modell über sieben Stufen und Hauptgrund für die Entwicklung ist das Verlangen nach einem „hedonic tone“ (Aufrechterhalten einer positiven Stimmung):

  1. Stimmungsregulierung (management of hedonic tone): Die Person lernt, eigene Erregung, Stimmungen und Erfahrungen zu kontrollieren, um eine angenehme Wirkung zu erhalten.
  2. Vulnerabilität (vulnerabilities): Dies bezeichnet die individuelle genetische Disposition zur Suchtentwicklung.
  3. Auslöser (initiation): Allmähliche oder plötzliche Entdeckung einer Aktivität, die eine starke und effektive Beeinflussung des hedonic tone erlaubt.
  4. Wahl einer spezifischen „Suchtaktivität“ (addictive activity choice): Diese Wahl ist abhängig von der Breite der verfügbaren Aktivitäten, sozialer Unterstützung sowie angeborenen Eigenschaften.
  5. Entwicklung des Suchtverhaltens (development of acquired drive and increasing salience): Eine Abhängigkeit entwickelt sich als Ergebnis einer Reihe kognitiver Fehlleistungen sowie emotionaler und kognitiver Feedbackprozesse (positive Rückkopplung).
  6. Kreisläufe (cycles): Durch wiederkehrende zwanghafte Sportausübung kommt es zu einer Verfestigung von klassischen Konditionierungseffekten, Ritualen und dysfunktionalen Glaubenssystemen.
  7. Manifestes Suchtverhalten (established addiction): Eine spezifische Suchtaktivität dominiert das Denken und Verhalten. Entscheidungen werden ausschließlich mit Blick auf Stimmungsverbesserung und dem Verhindern von Entzugserscheinungen getroffen.

Breuer und Kleinert (8) sowie Schack (34) postulieren, dass
mittlerweile nur multidisziplinäre und prozessorientierte Modelle
in der Lage sind, Sportsucht/-gefährdung umfassend zu erklären.
So vertritt Schack (34) in seinem Prozessmodell die Grundannahme, dass es für den Sportler grundsätzlich darum geht, Informationen über die Veränderung der psychophysiologischen Zustände (hormonelle Veränderungen, Veränderungen des Herz-KreislaufSystems, körperliches Befinden), der Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung (Selbstwerterhöhung oder -stabilisierung, Bewertung der eigenen Handlungskontrolle) und der Rahmenbedingungen und Reaktionen aus dem sozialen Umfeld (Trend, Freunde, Gegner) zusammenzuführen. Die Entstehung der Sucht kann für Sportler, die sich in einer suchtempfänglichen Phase befinden, über jede dieser drei genannten Ebenen verstärkt werden (z.B. auf der psychophysiologischen Ebene durch ß-Endorphin; auf der Selbstwahrnehmungsebene durch Aufwertung des Selbstbildes, auf der sozialen Ebene durch steigendes Ansehen). Während eine der Ebenen meist besonders hervortritt, sind auf den anderen Ebenen ebenfalls suchtforcierende Bedingungen zur Suchtausprägung notwendig. Schack (34) geht davon aus, dass Ausdauersucht über mehrere Phasen (Sportbindung, Übergangsphase, Sportsucht) und über einen Zeitraum von vier bis sechs Monaten bzw. bis zu zwei Jahren entstehen kann. Ausgangspunkt des Modells ist die Phase der (erfolgreichen) Sportzuwendung. Auf die Sportzuwendung folgt die Phase der Sportbindung. Die Sportbindung zeichnet sich durch eine starke Hinwendung zum Sport aus. Diese Phase kann jedoch auf zwei unterschiedlichen Wegen erfolgen. Eine Sportbindung, wie sie bei nicht suchtgefährdeten Sportlern erfolgt, lässt sich durch folgende Merkmale kennzeichnen:

  1. Das Motiv zum wiederholten Training ist ein wichtiges, aber nicht das zentrale Motiv im Leben des Sportlers.
  2. Es entstehen keine starken und unkontrollierbaren Entzugssymptome, wenn der Sport aus objektiven Gründen nicht betrieben werden kann.
  3. Die selbstregulierende sportliche Tätigkeit (z.B. ausdauerndes Laufen, Triathlon, usw.) und nicht ein damit im Zusammenhang stehendes Flash- oder High-Erleben steht im Mittelpunkt des Trainings/Wettkampfes (primärer vs. sekundärer Kontrollgewinn).

In der sich anschließenden Übergangsphase kann aufgrund eines spezifischen Bindungsdrucks und entsprechender Auslöser (z.B. Sport als Kompensation neuentstandener Selbstvertrauensprobleme) die o.g. Sportbindung kippen bzw. in eine Suchtphase abgeleitet werden (34). In dieser Phase des Modells wäre nach unserer Definition die Sportsuchtgefährdung zu verorten, denn laut Schack dominieren im fortgeschrittenen Stadium dieser Phase Vermeidungsmotive (z.B. Vermeidung von Entzugserscheinungen, Vermeidung sozialer Nähe) (34). Darüber hinaus bekommt die Zielsetzung innerhalb des Trainings übersteigertes Gewicht und tendenziellen Fixierungscharakter (34). Die sich anschließende dritte Phase ist durch die Kriterien für Suchtindizien, die spezifisch für Sportsucht betrachtet werden können, gekennzeichnet (3):

  1. Ausdauersüchtige Sportler sind sehr stark negativ (vermeiden von Entzugssymptomen, Erledigungszwang) motiviert.
  2. Das Motiv, Ausdauersport zu betreiben, ist zum zentralen Motiv (mit Fixierungscharakter) geworden. Das Verhalten kontrolliert die Person, nicht umgekehrt.
  3. Es treten starke (psychophysiologische) Entzugserscheinungen auf wenn der Ausdauersport nicht betrieben werden kann.
  4. Es kommt zur Missachtung körperlicher Signale der Überlastung und in der Folge zu körperlicher Schädigung, zu (nichtausheilenden) Verletzungen bis hin zu Todesfällen.
  5. Ein sozialer Verfall (Zerrüttung der Ehe, defizitäres Wahrnehmen von Verantwortung in der Familie oder im sozialen Umfeld) wird immer wahrscheinlicher.
  6. Es werden immer größere Beanspruchungsmengen benötigt und toleriert.

Schack führt für die dritte Phase insbesondere einen zunehmenden Kontrollverlust als wesentliches Kriterium auf (34).
Weitestgehend ungeklärt allerdings ist die Frage der Häufigkeit bzw. des prozentualen Anteils Sportsüchtiger bzw. Sportsuchtgefährdeter in der Bevölkerung, bei Männern bzw. Frauen und in unterschiedlichen Sportarten.

Sportsuchtgefährdung in der Bevölkerung
Während über das Phänomen Sportsucht/-gefährdung seit den 1970er Jahren diskutiert wird, berichten Kliniken und Sportpsychologen erst seit den frühen 1990er Jahren über eine steigende Anzahl von gefährdeten oder tatsächlich sportsüchtigen Patienten (24).
Bezugnehmend auf verschiedene Untersuchungen können drei bis dreizehn Prozent der Befragten als gefährdet eingestuft werden (22, 39). Betrachtet man die Gesamtbevölkerung, so kann von einem recht geringen prozentualen Anteil ausgegangen werden (8), da nur ein kleiner Anteil überhaupt regelmäßig Sport betreibt (11, 39). Szabo (38) geht deshalb von drei bis vier Prozent Sportsucht-Gefährdeter in der Gesamtbevölkerung aus. Da es sich bei den Probanden der zuvor genannten Studien um Wettkampfsportler handelt, erscheinen die Schätzungen von Szabo für die Gesamtbevölkerung zu hoch (8).

Sportsucht/-gefährdung und Sportart
Bisherige Untersuchungen stützen sich meist auf die Betrachtung von Ausdauersportarten (vor allem Laufen), während körperbildende Sportarten, wie Fitnesstraining, weitgehend unberücksichtigt blieben (4, 8). Dieser Trend spiegelt sich auch in einigen früheren Begriffsbezeichnungen für das Sportsuchtphänomen wieder: „obligatory runners“ (41), „running addiction“ (14, 33) oder „running anorectics“ (29). Demnach sind kaum epidemiologische Daten für unterschiedliche Sportarten allgemein und unterschiedliche Ausdauersportarten im speziellen bekannt. In den wenigen vorliegenden Untersuchungen zeigten sich keine Unterschiede im Hinblick auf die Sportart (13).

Sportsucht/-gefährdung und Geschlecht
Bezüglich Geschlechtsunterschiede bei Sportsucht/-gefährdung zeigt sich eine heterogene Befundlage. Während Pierce et al. (31) einen minimal höheren Score bei Marathonläuferinnen fanden, konnten in anderen Untersuchungen keine Geschlechtsunterschiede aufgedeckt werden (13, 26).

Zielstellung
Die hier dargestellte Untersuchung soll dazu beitragen, weitere epidemiologische Erkenntnisse im Hinblick auf die Gefährdung zur Sportsucht im Bereich der Ausdauersportarten zu erhalten. Hierbei sollen demographische Variablen, wie Geschlecht, Alter, Sportart, Trainingsalter und Trainingszeit im Vordergrund stehen, da diese bislang erst wenig und meist an kleinen Stichproben untersucht wurden. Auch im Hinblick auf die heterogene Befundlage bezüglich der Geschlechtsunterscheidung scheint eine erneute Betrachtung der Thematik angebracht.

MATERIAL UND METHODE

Die Fragestellung wurde im Rahmen einer Querschnittstudie an Ausdauersportlern untersucht.
Die Athleten wurden zufällig ausgewählt. Hierzu wurde eine Reihe von Athleten im Anschluss an sechs Ausdauersportveranstaltungen (zwei Lauf-, zwei Triathlon- und zwei Radsportveranstaltungen) zufällig kontaktiert. Die Betreffenden wurden dann über einen schriftlichen Fragebogen nach dem Wettkampf befragt. Die Rücklaufquote betrug 92,2%.
Sportsuchtgefährdung wurde operationalisiert über das Screeningverfahren „Exercise Addiction Inventory“ (EAI) (39). Da keine deutsche Version vorhanden zu sein scheint (8), wurde die englische Masterversion ins Deutsche übersetzt und dann ins Englische rückübersetzt. Die durch die Rückübersetzung entstandenen Inkonsistenzen wurden dann in einem weiteren Arbeitsschritt bereinigt. Durch dieses Vorgehen sollte eine möglichst hohe Sinnadequanz der deutschen Übersetzung gegenüber der Masterversion gewährleistet werden.
Beim EAI (39) handelt es sich um einen kurzen, theoriegeleiteten sportartunspezifischen Selbstberichtsfragebogen, der es ermöglicht, zwischen Personen ohne Sportsucht-Symptome, Personen mit einigen Sportsucht-Symptomen und Personen die sportsuchtgefährdet sind, zu unterscheiden.
Terry, Szabo und Griffiths (39) postulieren, dass für Personen, die im EAI einen Wert von 24 Punkten oder höher erreichen, ein erhebliches Risiko besteht, Sportsucht zu entwickeln. 13 bis 23 Punkte sprechen für das Vorliegen einiger Sportsuchtsymptome, während bei 0 bis 12 Punkten von keinerlei Symptomatik ausgegangen werden kann. Eine entsprechende Erläuterung, warum die Bereiche so festgelegt worden sind, geben die Autoren nicht. Sie verweisen lediglich bei dem Wert 24 und höher darauf, dass “the cut off represents those individuals with scores in the top 15% of the total scale score. High scores were considered to be the most problematic for the individuals” (39). Trotzdem wird dieser scheinbar eher willkürlich festgelegte Wert in den Analysen herangezogen um sportsuchtgefährdete Probanden auszuwählen und so einen Vergleich mit bisherigen Untersuchungen zu ermöglichen.
Theoretische Grundlage des Fragebogens bilden das Modell von Brown (9) und die sechs Komponenten der Sucht nach Griffiths (16; salience, mood modification, tolerance, withdrawal, conflict and relapse), welche im EAI durch je ein Item operationalisiert werden. Alle Items sind mit einer fünfstufigen Likertskala versehen (1 trifft gar nicht zu – 5 trifft sehr zu).
Die Ökonomie des EAI ist durch die geringe Itemanzahl, kurze Testdauer und einfache Auswertung gesichert, womit der Fragebogen in der Praxis gut handhabbar ist (8, 17). Auch weitere psychometrische Eigenschaften sind als gut zu bezeichnen. Die interne Konsistenz liegt nach Terry, Szabo und Griffiths (39) bei 0,84 (Cronbach’s Alpha) und bezüglich der Kriteriumsvalidität ergaben sich hohe Übereinstimmungen mit dem Obligatory Exercise Questionnaire (r =0,80) und der Exercise Dependence Scale (r =-0,81 bei umgekehrter Skalierung).
Da der EAI im Deutschen hinsichtlich seiner psychometrischen Eigenschaften nicht überprüft ist, wurde sowohl Cronbach’s Alpha, als auch die Iteminterkorrelationen (Tab. 1) berechnet. Bezüglich der Interkorrelationen ist zu sagen, dass keines der Items hoch mit einem anderen korreliert, was dafür spricht, dass jedes Item eine andere Komponente des zugrundeliegenden theoretischen Modells von Griffiths repräsentiert.
Tabelle 1: Interkorrelation und Kennwerte der EAI-Items.
Der Cronbach’ Alpha lag bei 0,59 und ist somit als nicht mehr akzeptabel zu bewerten (7). Die niedrigen Werte in der deutschsprachigen Version waren aufgrund der guten psychometrischen Eigenschaften in der Originalversion nicht zu erwarten und machen auf Probleme in der deutschsprachigen Version aufmerksam.
Insgesamt nahmen 1089 Sportler an der Befragung teil. Aufgrund fehlender Werte auf der EAI-Skala, wurden 63 Befragte aus den Berechnungen ausgeschlossen. Die endgültige Strichprobengröße betrug demnach 1026, welche sich aus 283 Frauen und 742 Männern zusammensetzte. Bei einer Person fehlte die Angabe zum Geschlecht. Der Altersdurchschnitt der Stichprobe lag bei 41,12 Jahren (SD=11,29). Pro Woche wurden durchschnittlich 4,47 Trainingseinheiten (SD=2,27) und im Durchschnitt 8,2 Stunden (SD=4,60) von den Probanden trainiert. Dies entspricht der von Neumann et al. (28) postulierten Häufigkeit und dem Trainingsumfang von Leistungssportlern. Die Anzahl der Trainingsjahre lag durchschnittlich bei 12,80 Jahren (SD=10,10).
Hinsichtlich des Wettkampfniveaus der Probanden waren 15,3% Teilnehmer an den Deutschen Marathon Meisterschaften, 14,1% an den Deutschen Meisterschaften im Ultratriathlon, 21,6% am Arber Radmarathon, 24% an einem Triathlon über die Olympische Distanz, 12,7% an einer Radtouristikfahrt und 12,4% an einem Volkslauf.

Auswertung
Aufgrund des vorliegenden Untersuchungsdesigns bietet sich eine mehrfaktorielle univariate Varianzanalyse an, in der die Trainingsparameter „Hauptsportart“, „Trainingsjahre“, „Trainingseinheiten pro Woche“ und „Trainingsstunden pro Woche“, sowie die demographischen Variablen „Alter“ und „Geschlecht“ hinsichtlich des EAI-Scores betrachtet wurden. Bei Vorliegen signifikanter Haupteffekte wurden Post hoc Tests nach Bonferroni durchgeführt.

ERGEBNISSE

Es zeigte sich, dass insgesamt 4,5% der Befragten (N=46) sportsuchtgefährdet waren, ihre EAI-Scores betrugen mindestens 24 Punkte. 83,1% der Stichprobe (N=853) wiesen einige Sportsuchtsymptome auf (13- 23 Punkte) und 12,4% der Teilnehmer (N=127) waren ohne Sportsuchtsymptome (0- 12 Punkte).
Auf Grundlage der Varianzanalyse zeigten sich signifikante Haupteffekte, jedoch mit geringen Effektstärken für die Variablen „Hauptsportart“, „Alter“ und „Trainingsstunden pro Woche“ (Tab. 2).Bezüglich der Alterskategorien ergab sich, dass 60- bis 69-Jährige und 70- bis 79-Jährige jeweils niedrigere EAI-Scores aufwiesen als Sportler bis 19 Jahre, sowie Sportler im Alter von 20 bis 29 und 30 bis 39. 50- bis 59-jährige hatten des Weiteren signifikant niedrigere EAI-Werte als Sportler bis 19 Jahre und 20- bis 29-jährige Sportler. Hinsichtlich der Hauptsportart zeigte sich, dass Triathleten höhere EAI-Scores als alle anderen Athleten aufwiesen. Läufer und Radfahrer erzielten ebenfalls höhere Werte als Sportler mit einer anderen Hauptsportart, wobei Läufer auch höhere Werte erzielten als Radfahrer.
Des Weiteren zeigte sich, dass Athleten, die keine bis vier Stunden pro Woche trainierten, signifikant geringere EAI-Scores aufwiesen, als Sportler, welche öfter trainierten. Bei fünf bis acht Trainingsstunden pro Woche ergab sich zusätzlich ein signifikanter Unterschied im Vergleich mit neun bis zwölf Trainingsstunden pro Woche. Auch hier wiesen die Sportler, die weniger trainierten, einen geringeren EAI-Score auf.
Neben den zuvor dargestellten signifikanten Haupteffekten ergab sich eine signifikante Interaktion von „Trainingsjahren“ und „Trainingseinheiten pro Woche“ (F(12,472) =1,88, p<0,05, partiellesη2=0,05). Eine Simple Effects Analyse zeigte, dass sich bei allen Trainingsjahr-Kategorien Sportler, die unterschiedlich viele Einheiten pro Woche trainierten, voneinander unterschieden. Bei keinem bis vier Trainingsjahren wiesen Athleten mit keiner bis einer Trainingseinheit pro Woche signifikant geringere EAI-Scores auf, als Athleten die fünf- bis siebenmal (p<0,01) oder mehr als achtmal (p<0,01) trainierten. Ebenso verhielt es sich bei Sportlern, die zwei bis vier Trainingseinheiten pro Woche absolvierten (p<0,001, p<0,05).
Bei fünf bis neun Trainingsjahren zeigten wiederum Sportler, die maximal eine Trainingseinheit pro Woche absolvierten, geringere EAI-Werte als solche, die zwei- bis viermal (p<0,05), fünf- bis siebenmal (p<0,01), oder mehr als achtmal pro Woche (p<0,001) trainierten. Auch Sportler, die zwei bis vier Trainingseinheiten absolvierten, zeigten geringere EAI-Werte als Sportler mit fünf bis sieben (p<0,01) oder mehr als acht (p<0,01) Einheiten.
Athleten mit zehn bis vierzehn Trainingsjahren zeigten bei keiner bis einer Trainingseinheit geringere EAI-Scores als bei fünf bis sieben (p<0,05) oder mehr als acht (p<0,05) Einheiten. Genauso zeigten auch Athleten mit zwei bis vier Trainingseinheiten geringere EAI-Werte als bei fünf bis sieben Einheiten (p<0,01). Bei fünfzehn bis neunzehn Trainingsjahren wiesen Sportler mit mehr als acht Trainingseinheiten signifikant höhere Werte auf also solche mit maximal einer (p<0,05) oder zwei bis vier (p<0,05).
Tabelle 2:Ergebnisse der mehrfaktoriellen Varianzanalyse, prozentuale Verteilung der Variablen sowie Ergebnisse der Bonferroni Post-hoc Tests der signifikanten Haupteffekte.
Zuletzt ergaben sich bei Sportlern mit mehr als zwanzig Trainingsjahren bedeutsame Unterschiede in der Hinsicht, dass bei maximal einer Trainingseinheit die EAI-Werte geringer ausfielen als bei zwei bis vier (p<0,01), fünf bis sieben (p<0,001) oder mehr als acht (p<0,001). Eine weitere simple Effects Analyse erbrachte das Ergebnis, dass Sportler, welche dieselbe Anzahl an Trainingseinheiten pro Woche trainierten, sich nicht in Abhängigkeit ihrer Trainingsjahre in den EAI-Werten unterschieden.

DISKUSSION

Sportsuchtgefährdung ist unseres Erachtens eher ein Problem, von dem nur wenige Personen betroffen sind. Gleichwohl soll diese Gefahr auch nicht unterschätzt werden, denn das Anforderungsprofil von Ausdauersport generell - nämlich eine systematisierte, gut kontrollierbare und überprüfbare körperliche Belastung - wird schnell zu Anfangserfolgen führen, was wiederum eine positive Verstärkerspirale in Gang setzen kann, die - für den Fall, dass man dies nicht bewusst reguliert, in suchthaftem Verhalten enden kann. Die Wirkmechanismen, die für die Ausprägung einer Sportsucht bzw. einer Sportsuchtgefährdung diskutiert werden, sind vielfältig (34, 37). Darüber hinaus gibt es wenig konsistente Befunde sowohl bezüglich Sportsucht als auch bezüglich Sportsuchtgefährdung. Dies könnte u.a. auch an den definitorischen Unschärfen liegen (8).
Die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Sportsucht/-gefährdung wird in der Diskussion nicht weiter aufgegriffen. Es liegt allerdings die Vermutung nahe, dass die Zahlen zur sekundären Sportsucht/-gefährdung um ein Vielfaches höher liegen.
Ziel dieser Studie an über 1000 Ausdauersportlern war es, ausgewählte Parameter zu untersuchen, inwieweit diese für eine Sportsuchtgefährdung bedeutsam sind.
Hinsichtlich des Anteils der Sportler, die als Sportsucht gefährdet eingestuft werden können, liegt das Ergebnis dieser Studie (4,5%) um mehr als 1% über den Angaben von Terry et al. (39) oder Hausenblas und Symons Downs (21). Der hier ermittelte Wert liegt nahe an dem von Szabo (38) postuliertem Wert von 3- 4% (allerdings in der Gesamtbevölkerung).
Allerdings erscheint der Wert, wie zuvor bereits beschreiben, als eher unrealistisch (8). Weiterhin konnte in der hier vorliegenden Studie der Forderung von Grandi et al. (15) entsprochen werden, diesen Parameter an einer größeren Stichprobe, die nicht nur sehr intensiv Sporttreibende beinhaltet, zu untersuchen (Tab. 2). Allerdings scheinen die Ergebnisse nur bedingt vergleichbar, da in der hier vorliegenden Studie und in der Studie von Terry et al. (39) mittels EAI hinsichtlich der Gefährdung zur Sportsucht und in der Studie von Hausenblas und Symons Downs (21) Sportsucht mittels EDS (Exercise Dependence Scale; 21) untersucht wurde. Griffith et al. (17) führen jedoch aus, dass in der von ihnen durchgeführten Untersuchung, in der sowohl der EAI als auch die EDS verwendet wurden, nur geringe prozentuale Unterschiede (>0,5%) bei den Untersuchungspersonen zwischen der Erkrankung an einer Sportsucht (nach EDS) und einer Gefährdung zur Sportsucht (nach EAI) vorlagen.
Grundsätzlich muss die Diskussion der dargestellten Ergebnisse der Varianzanalyse vor dem Hintergrund die ermittelten geringen Effektstärken und der skizzierten Problematik mit dem verwendeten deutschsprachigen Messinstrument gesehen werden.
Für die Variable Geschlecht konnte kein statistisch bedeutsamer Unterschied zwischen Männern und Frauen gefunden werden. Dies deckt sich mit den Befunden von Furst & Germone (13), sowie Modolo et al. (26). Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich die Geschlechter hinsichtlich der Sportmotive unterscheiden. So gaben Frauen in Untersuchungen von Cohane & Pope (10) und Modolo et al. (26) vermehrt an, Sport auszuüben, um ihr körperliches Erscheinungsbild zu verbessern, wohingegen bei Männern der Faktor der Leistungserbringung und des Muskelaufbaus im Vordergrund steht.
Die Variable Alter weist dahingegen einen statistisch bedeutsamen Unterschied bezüglich Sportsuchtgefährdung auf. Gerade die jüngeren Athleten zeigen deutlich höhere Werte. Dies könnte nach Alfermann und Stoll (3) daran liegen, dass die Tätigkeit nicht um ihrer selbst willen betrieben wird, sondern um sekundäre Ziele wie Gewichtsreduktion, Verbesserung des Selbstvertrauens, Identitätsstärkung etc. zu erreichen. Gerade diese Ziele sind in den Alterskategorien 1 und 2 von besonderer Bedeutung (27). In diesem Zusammenhang wäre eine Unterscheidung zwischen Gefährdung zu primärer und sekundärer Sportsucht sinnvoll. Diese konnte in dieser Studie leider nicht realisiert werden und sollte in zukünftigen Untersuchungen Berücksichtigung finden (8, 11).
Im Vergleich zu der Studie von Furst & Germone (13) weisen in unserer Studie Triathleten höhere Gefährdungswerte auf als andere Ausdauersportler. Auf Grundlage des Hedonic Management Modells von Brown (9) könnte dies an der Breite der möglichen Aktivitäten beim Triathlon liegen. Weiterhin ist die Möglichkeit, eine positive Stimmung zu erzeugen durch die höhere Anzahl der zu trainierenden Sportarten vermutlich eher gegeben und somit kann die Aufrechterhaltung oder Herstellung eher realisiert werden. Damit können mehr positive Feedbackprozesse geschaffen werden (9). Ebenfalls könnte auch die zu trainierende Distanz eine Auswirkung auf die Suchtgefährdung haben. Eine plausible Annahme wäre hier, dass je länger die zu trainierende Distanz ist, desto höher ist die Sportsuchtgefährdung. Allerdings könnte es u.a. darin begründet sein, dass die Verwirklichung sekundärer Ziele (wie z.B. die Gewichtsreduktion) eher durch die Ausübung von drei Sportarten zu realisieren ist. Ein weiteres zentrales Ergebnis der hier vorliegenden Untersuchung ist, dass es bezüglich der Trainingsjahre und der Belastungsnormative Häufigkeit und Umfang statistisch bedeutsame Unterschiede gibt. Zum einen konnte analysiert werden, dass die Athleten die über mehrere Trainingsjahre berichteten eine höhere Sportsuchtgefährdung aufweisen als Athleten mit einer geringeren Anzahl an Jahren. Zum anderen zeigten sich bei den Belastungsnormativen Trainingshäufigkeit und -umfang ebenfalls bedeutsame statistische Unterschiede und zwar dahingehend, dass die Athleten mit höheren Umfängen über einen höheren Gefährdungsscore verfügen, als Athleten mit geringeren Umfängen. Eine mögliche Erklärung wäre, dass betroffene Athleten immer größere Beanspruchungsmengen benötigen (3) um den hedonic tone zu erzielen (9). Darüber hinaus ist die von Brown (9) postulierte Verfestigung der klassischen Konditionierungseffekte, Ritualen und dysfunktionalen Glaubenssystemen über die Jahre und mit größerem Umfang eher gegeben.
Weitergehende Aussagen, z.B. über mögliche Zusammenhänge bzw. Unterschiede bezüglich Sportsuchtgefährdung und Persönlichkeit, können auf Grundlage der hier dargestellten Untersuchung nicht getroffen werden. Allerdings scheint Sportsuchtgefährdung in Zusammenhang mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften zu stehen, jedoch ist die Forschungslage nicht eindeutig (38). Zusammenfassend ist zu bemerken, dass sich ein negatives Selbstwertgefühl, Ängstlichkeit, Neurotizismus, Extraversion, Zwanghaftigkeit und Perfektionismus in einigen Studien in einen positiven Zusammenhang zu exzessivem Sporttreiben bzw. Sportsucht/-gefährdung bringen lassen (20, 23, 27, 32). Darüber hinaus sollte die Thematik primäre versus sekundäre Sportsucht/-gefährdung weiter untersucht werden, da auch in dieser Untersuchung keine Aussage über die jeweiligen Anteile gemacht werden konnten (8, 11).
Bezüglich des eingesetzten Messinstrumentes ist anzumerken, dass im Kontext von Verhaltenssüchten, viele der Instrumente Screeningverfahren oder Skalen sind, die bestimmte Denkmuster, motivationale Tendenzen, Kognitionen etc. erfassen (2). So auch beim EAI (39). Albrecht verweist weiterhin auf die allgemeine Problematik bei der Diagnostik von Verhaltenssüchten: Unzureichende Klassifikation (bis auf pathologisches Glücksspiel) führt bei den meisten Störungsbildern zu Schwierigkeiten bei der Diagnose. Es werden immer mehr Testverfahren entwickelt, die auf unterschiedlichen Konzepten beruhen und die Ergebnisse sind daher kaum zu verallgemeinern. Außerdem werden bei den meisten Testverfahren keine ausreichenden Angaben zur Sensitivität der Tests gemacht, es ist also unbekannt, ob die gewählten Cut-off-Werte wirklich geeignet sind und gut differenzieren. Die meisten Verfahren liefern daher keine endgültigen Diagnosen, sondern dienen der Informationsgewinnung und Selektion im Rahmen des diagnostischen Prozesses (2). Im Kontext dieses Beitrages erscheint eine Anwendung entsprechender Verfahren durchaus sinnvoll, um so identifizierte Sportsuchtgefährdete frühzeitig im Interview o.ä. genauer zu untersuchen (8, 21, 39). Gerade im Kontext von Ausdauersportarten wären sportartspezifische Verfahren sinnvoll. Denn Umfangssteigerungen, bzw. ein geringes Zeitbudget und damit einhergehende Planungen das Training in den Alltag entsprechend zu integrieren führt u.U. bei sportartunspezifischen Messinstrumenten verfrüht zu einem hohen Gefährdungsscore.
Vor diesem Hintergrund wären weitere Überprüfungen des EAI hinsichtlich seiner psychometrischen Eigenschaften, dessen theoretischen Hintergrundes und bezüglich sportartspezifischer Modifikationen wünschenswert. Die im Vergleich zur Originalversion niedrigen Cornbach’s Alpha in der deutschsprachigen Version machen auf diesbezügliche Probleme aufmerksam. In diesem Zusammenhang und auf Grundlage der von Albrecht aufgeführten Probleme, wäre eine Neuentwicklung eines theoriegeleiteten Messinstrumentes zur Operationalisierung von Sportsucht und Sportsuchtgefährdung vor dem Hintergrund eines prozessorientierten Modells anzustreben (2, 6, 34). Erste Ansätze gibt es hierzu bereits (35).

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