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EDITORIAL

Universitäre Sportmedizin in Deutschland – es gibt viel zu tun!

Academic Sports Medicine in Germany – There Is a lot to Do!

Gerade geht das dreitägige informelle Treffen der sportmedizinischen Institutsleiter und Ordinarien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auf der Umweltforschungsstation „Schneefernerhaus“ direkt unterhalb der Zugspitze zu Ende. Zum zweiten Mal nach 2018 wurde hier im Schnee auf dem höchsten Gipfel Deutschlands viel diskutiert und Informationen zu unterschiedlichen Themen wie anstehende Neuberufungen auf sportmedizinische Lehrstühle in den nächsten Jahren, Neues zum Curriculum der sportmedizinischen Weiterbildung und zum Kongress in 2020 in Hamburg ausgetauscht. Es herrschte eine ausgesprochen positive und harmonische Stimmung und das Treffen wurde von allen als große Bereicherung empfunden, mit ausreichend Zeit zum persönlichen Gespräch und Gedankenaustausch egal ob im Tagungsraum mit spektakulärem Blick über die weißen Gipfel der Alpen oder am Abend vor der Leinwand mit Projektion des Bundesliga-Fußballspiels oder beim gemütlichen Essen auf der Sonnenterrasse oder abends in der Runde bis tief in die Nacht.

Die Einschätzungen der Lehrstuhlinhaber machte deutlich, dass die deutsche Sportmedizin über die letzten zehn Jahre durch viele Tiefen gegangen ist, vielfach geradezu gelähmt war und so auch versäumt hat, wichtige Themen der Weiterentwicklung eines Fachs anzugehen. Dieses steht im fast diametralen Gegensatz zur wachsenden wissenschaftlichen Bedeutung und Wahrnehmung in der Bevölkerung von körperlicher Aktivität in der Prävention und Therapie von Erkrankungen („Exercise is Medicine“).

 

Die sportmedizinischen Lehrstühle in Deutschland

So wäre eigentlich eine Stärkung der sportmedizinischen Einrichtungen an Universitäten von universitärer und politischer Seite zu erwarten, jedoch ist eher das Gegenteil der Fall und sportmedizinische Lehrstühle wurden zurückliegend teilweise nicht wieder besetzt und für einige scheint sogar die Zukunft eher ungewiss zu sein. Auch die Weiterbildungszeit wird verkürzt, welches einen Qualitätsverlust der Ausbildung mit sich bringen wird. Erfreulich, dass der sportmedizinisch-leistungsphysiologische Lehrstuhl in Wien gerade neu besetzt wurde mit Prof. Dr. Jürgen Scharhag, Prof. Dr. Johannes Scherr die Leitung der Sportmedizin an der Universität Zürich-Balgrist ab 1. April 2019 übernimmt und zudem in Hamburg die W3-Professur Bewegungsmedizin (Nachfolge Prof. Dr. Klaus-Michael Braumann) zeitnah ausgeschrieben wird. Klare positive Signale, die jedoch dringend inhaltlich weiterentwickelt werden müssen, besonders unterstützt vom neuen DGSP-Präsidenten Prof. Dr. Bernd Wolfarth aus Berlin und seinem Vorstand.

Curriculum Sportmedizin

Überaus erfreulich auch, dass das Curriculum Sportkardiologie - das Grundkonzept für die Weiterbildung zur Zusatzqualifikation „Sportkardiologie“ –, eine gemeinsame Initiative der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP), unlängst finalisiert wurde.

Zunächst initiiert von der European Association of Preventive Cardiology (EAPC) als einer der sieben Subgruppen der European Society of Cardiology (ESC) wurde dieses Curriculum in Deutschland als erstes in Europa umgesetzt und erste Kurse zur Qualifikation bereits abgehalten. Dieses unterstreicht die wachsende Bedeutung der Interaktion von Sportmedizin und Kardiologie, so, wie sie im Leistungssport und kardiovaskulären Rehabilitation bereits seit den 60-iger Jahren in Deutschland gelebt wurde. Gerade aktuelle Studien zu körperlichem Training unterschiedlicher Intensitäten nach akutem Herzinfarkt in der frühen Phase bereits nach fünf Tagen, große randomisierte Studien zu körperlichem Training bei diastolischer oder systolischer Herzinsuffizienz, mit linksventrikulären Unterstützungssystemen oder nach Herztransplantation verdeutlichen den konstanten Fortschritt in der sportmedizinisch-kardiologischen Forschung in Deutschland.

Es zeigt aber auch wie eng die Sportmedizin und die Kardiologie versuchen, gemeinsam Lösungen für praxisnahe Fragestellungen zu finden. Durch das wachsende wissenschaftliche Interesse von kardiologisch-universitären Abteilungen an der Rolle von körperlichem Training für kardiologische Patienten, wie z. B. an der Charité in Berlin, in Greifswald, Leipzig, Desden, Hannover und in München wird die Interaktion beider Gebiete enger. Vielleicht können durch die gleichzeitige ESC-Präsidentschaft von Prof. Dr. Stephan Achenbach aus der Kardiologie in Erlangen und von mir als Präsident der European Association of Preventive Cardiology (EAPC) der European Society of Cardiology (ESC) ab 2020 weitere Impulse ausgehen und diese Richtung stärken, aber gleichzeitig die spezifischen Kompetenzen der Sportmedizin innerhalb der Kardiologie verdeutlichen.

Hoch über den Bergen von Deutschland, Österreich und der Schweiz wurde viel über ein neues gemeinsames D-A-CH für die deutsche Sportmedizin diskutiert. Der Aufbruch war deutlich zu spüren. Allerdings, es gibt viel zu tun!

Univ.-Prof. Dr. med. Martin Halle
Präventive und Rehabilitative Sportmedizin,
Universitätsklinikum ‘Klinikum rechts der
Isar’, Technische Universität München
Georg-Brauchle-Ring 56, 80992 München
martin.halle@mri.tum.de